Die ISO 9001 wird revidiert – und zwar noch dieses Jahr. Nach über zehn Jahren mit der Version 2015 bringt die neue ISO 9001:2026 frischen Wind ins Qualitätsmanagement. Keine Panik: Es ist eine Evolution, keine Revolution. Aber wer jetzt nicht hinschaut, verliert wertvolle Vorbereitungszeit.
Das Wichtigste in Kürze
- Herbst 2026 wird die neue ISO 9001:2026 voraussichtlich veröffentlicht
- Der DIS (Draft International Standard) wurde im Dezember 2025 mit 97 % Zustimmung genehmigt
- Qualitätskultur und ethisches Verhalten werden zur expliziten Führungsaufgabe
- Klimawandel wird fest in den Kontext der Organisation integriert
- Chancenmanagement erhält eine eigene Klausel – gleichwertig zum Risikomanagement
- 3 Jahre Übergangsfrist – bis ca. 2029 müssen alle Zertifikate umgestellt sein
Direkt zur Readiness-Checkliste →
Was passiert gerade?
Die Revision der ISO 9001 läuft seit 2023 unter der Leitung des technischen Komitees ISO/TC 176/SC 2. Der Prozess hat mehrere Stadien durchlaufen:
| Phase | Zeitpunkt | Status |
|---|---|---|
| Working Draft (WD) | Winter 2023/2024 | Abgeschlossen |
| Committee Draft 1 (CD1) | April 2024 | Abgeschlossen |
| Committee Draft 2 (CD2) | Erstes Halbjahr 2025 | Abgeschlossen |
| Draft International Standard (DIS) | August 2025 | Genehmigt (4. Dezember 2025, 97 % Zustimmung) |
| Final Draft (FDIS) | Frühling 2026 | In Arbeit (Meeting Januar 2026 in Mexiko) |
| Veröffentlichung | Herbst 2026 | Geplant |
Dass ein zweiter Committee Draft nötig war, ist ungewöhnlich – die Vielzahl der Rückmeldungen (470-seitiger Kommentarbericht zum DIS) zeigt, wie intensiv die Fachwelt an der Revision beteiligt ist.
Die 7 wichtigsten Änderungen
1. Qualitätskultur wird Chefsache
Das ist die wohl bedeutendste Neuerung. Die oberste Leitung muss neu explizit nachweisen, dass sie eine Qualitätskultur, Integrität und ethisches Verhalten aktiv fördert (Klausel 5.1.1).
Was heisst das konkret? Es reicht nicht mehr, eine Qualitätspolitik zu unterschreiben und im Ordner abzulegen. Die Geschäftsleitung muss zeigen, wie sie Qualität vorlebt – durch Kommunikation, Entscheidungen und Ressourcen.
Auch die Mitarbeitenden sind betroffen: In Klausel 7.3 wird neu verlangt, dass sie sich der Qualitätskultur und des ethischen Verhaltens bewusst sind.
2. Klimawandel ist drin
Was 2024 als Ergänzung (Amendment 1) zur ISO 9001:2015 kam, wird jetzt fester Bestandteil der Norm. In Klausel 4.1 (Kontext der Organisation) und 4.2 (Interessierte Parteien) müssen Unternehmen bewerten:
- Ist der Klimawandel ein relevanter Faktor für unseren Kontext?
- Welche klimabezogenen Erwartungen haben unsere Stakeholder?
Für viele Schweizer KMU heisst das: Du musst dich nicht gleich CO₂-neutral aufstellen – aber du musst dokumentiert begründen können, ob und wie der Klimawandel dein Geschäft beeinflusst.
3. Chancen bekommen eine eigene Klausel
Bisher war das Chancenmanagement ein Anhängsel des Risikomanagements. Das ändert sich: Klausel 6.1 wird in drei Unterklauseln aufgeteilt:
| Klausel | Inhalt |
|---|---|
| 6.1.1 | Allgemeines – Risiken und Chancen adressieren |
| 6.1.2 | Massnahmen zur Risikobehandlung (neu: Risiken müssen analysiert und bewertet werden) |
| 6.1.3 | Massnahmen zur Nutzung von Chancen (komplett neue Klausel) |
Chancen werden damit gleichwertig zu Risiken behandelt. Das zwingt dich, nicht nur zu fragen “Was kann schiefgehen?”, sondern auch “Welche Möglichkeiten verpassen wir gerade?”
4. Wissensmanagement wird erweitert
Klausel 7.1.6 (Organisatorisches Wissen) geht deutlich weiter als bisher. Wissen muss neu nicht nur “verfügbar gemacht”, sondern bewahrt, angewandt und geteilt werden. Und der Geltungsbereich erstreckt sich über die reine Produkt-/Dienstleistungskonformität hinaus auf das gesamte QMS.
Für KMU bedeutet das: Wenn dein bester QM-Leiter nächsten Monat kündigt – ist sein Wissen im System oder geht es mit ihm?
5. Änderungsplanung wird strenger
Klausel 6.3 (Planung von Änderungen) wächst von 4 auf 7 zu berücksichtigende Faktoren. Neu kommen hinzu:
- Überwachung der Wirksamkeit von Änderungen
- Kommunikation der Änderungen an Betroffene
- Überprüfung der Ergebnisse nach Umsetzung
Änderungen am QMS oder an Prozessen dürfen also nicht mehr einfach durchgeführt und abgehakt werden – du musst auch nachweisen, dass sie gewirkt haben.
6. Kundenkommunikation bei Störungen
Klausel 8.2.1 enthält eine neue Anforderung: Kunden müssen über Notfallmassnahmen bei Störungen informiert werden. Wenn also ein Problem auftritt, das die Lieferung oder Qualität beeinträchtigt, brauchst du einen dokumentierten Kommunikationsweg.
7. Neuer Anhang A mit Umsetzungshilfen
Erstmals erhält die ISO 9001 einen informativen Anhang A mit rund 15 Seiten Leitlinien. Dieser ist nicht normativ (also nicht verpflichtend), bietet aber wertvolle Interpretationshilfen zu allen Klauseln 4–10. Gerade für KMU, die ohne externe Berater arbeiten, ist das eine grosse Hilfe.
Was sich NICHT ändert
Genauso wichtig wie die Neuerungen ist das, was bleibt:
- Grundstruktur (Klauseln 4–10) bleibt erhalten
- Prozessansatz und risikobasiertes Denken bleiben Kernprinzipien
- Keine Digitalisierungspflicht – trotz vieler Gerüchte gibt es keine konkreten Anforderungen zu KI, Remote-Audits oder digitaler Transformation
- Die Norm bleibt technologieneutral
- Harmonized Structure (HS) ersetzt die bisherige High-Level Structure (HLS) – das betrifft vor allem die Terminologie, nicht den Inhalt
Die Übergangsfrist: 3 Jahre ab Veröffentlichung
HERBST 2026 ──────────► MITTE 2027 ──────────► HERBST 2029
│ │ │
Norm wird Erste Audits ISO 9001:2015
veröffentlicht nach neuer Norm wird zurückgezogen
möglich
◄── ~9 Monate ──►◄────── ~2 Jahre ────────►
Akkreditierung Übergangsfrist
Zertifizierungsstellen
Wichtig für die Schweiz: Die Norm wird über die SNV (Schweizerische Normen-Vereinigung) verfügbar sein. SQS und SAQ-QUALICON bieten bereits Schulungen und Webinare zur Vorbereitung an.
Readiness-Checkliste: Wo steht dein Unternehmen?
Nutze diese Checkliste, um in 10 Minuten einzuschätzen, wie gut du auf die ISO 9001:2026 vorbereitet bist.
Qualitätskultur & Führung (Klausel 5)
| # | Prüfpunkt | Status |
|---|---|---|
| 1 | Die Geschäftsleitung kommuniziert aktiv, warum Qualität wichtig ist – nicht nur im Audit | ☐ |
| 2 | Es gibt einen dokumentierten Verhaltenskodex oder Werte, die ethisches Verhalten fördern | ☐ |
| 3 | Qualitätsziele sind in der Unternehmensstrategie verankert (nicht nur im QM-Handbuch) | ☐ |
| 4 | Mitarbeitende können erklären, was Qualitätskultur in ihrem Arbeitsalltag bedeutet | ☐ |
Kontext & Klimawandel (Klausel 4)
| # | Prüfpunkt | Status |
|---|---|---|
| 5 | Du hast dokumentiert, ob der Klimawandel ein relevanter Faktor für dein Unternehmen ist | ☐ |
| 6 | Die Erwartungen deiner Stakeholder (Kunden, Lieferanten, Behörden) bezüglich Nachhaltigkeit sind erfasst | ☐ |
| 7 | Die Kontextanalyse wird regelmässig überprüft und aktualisiert | ☐ |
Risiko- und Chancenmanagement (Klausel 6.1)
| # | Prüfpunkt | Status |
|---|---|---|
| 8 | Risiken werden nicht nur identifiziert, sondern systematisch analysiert und bewertet | ☐ |
| 9 | Du verfolgst aktiv Chancen – nicht nur als Nebenprodukt der Risikoanalyse | ☐ |
| 10 | Massnahmen zur Risikobehandlung und Chancennutzung werden nachverfolgt und auf Wirksamkeit geprüft | ☐ |
Wissensmanagement (Klausel 7.1.6)
| # | Prüfpunkt | Status |
|---|---|---|
| 11 | Kritisches Wissen ist dokumentiert und nicht nur in den Köpfen einzelner Personen | ☐ |
| 12 | Es gibt einen Prozess für Wissenstransfer bei Personalwechseln | ☐ |
| 13 | Wissen wird aktiv geteilt (z. B. über ein internes Wiki, Schulungen oder ein QMS) | ☐ |
Änderungsmanagement (Klausel 6.3)
| # | Prüfpunkt | Status |
|---|---|---|
| 14 | Änderungen an Prozessen und am QMS werden geplant, kommuniziert und dokumentiert | ☐ |
| 15 | Nach Änderungen wird geprüft, ob sie den gewünschten Effekt hatten | ☐ |
Kundenkommunikation (Klausel 8.2.1)
| # | Prüfpunkt | Status |
|---|---|---|
| 16 | Du hast einen definierten Prozess, um Kunden bei Störungen oder Notfällen zu informieren | ☐ |
Auswertung
| Ergebnis | Bewertung |
|---|---|
| 13–16 Punkte | Du bist gut aufgestellt. Feinschliff genügt. |
| 9–12 Punkte | Solide Basis, aber in einigen Bereichen gibt es Handlungsbedarf. |
| 5–8 Punkte | Es wird Zeit, aktiv zu werden – starte mit Führung und Kontext. |
| 0–4 Punkte | Dringender Handlungsbedarf. Hol dir Unterstützung. |
Was du jetzt tun solltest
1. Mach die Bestandsaufnahme
Geh die Checkliste oben durch – ehrlich. Wo stehst du wirklich? Nicht wo du im letzten Audit standest, sondern heute.
2. Starte mit der Qualitätskultur
Das ist die grösste inhaltliche Neuerung und braucht am meisten Zeit. Kultur lässt sich nicht über Nacht ändern. Beginne jetzt damit, Qualität als Führungsthema zu verankern – nicht als Aufgabe der QM-Abteilung.
3. Aktualisiere deine Kontextanalyse
Nimm den Klimawandel und ESG-Themen in deine Kontextanalyse auf. Du musst keine Klimastrategie schreiben – aber dokumentiert begründen, warum der Klimawandel für dein Unternehmen relevant oder nicht relevant ist.
4. Baue dein Chancenmanagement auf
Etabliere neben dem Risikomanagement einen gleichwertigen Prozess für Chancen. Frag dich bei jedem Management-Review: Welche Chancen haben wir identifiziert? Was haben wir daraus gemacht?
5. Wähle das richtige Werkzeug
Ein modernes QMS nach ISO 9001:2026 lässt sich nicht in Word und Excel abbilden. Du brauchst ein System, das Qualitätskultur, Risikomanagement, Wissensmanagement und Änderungsplanung integriert abdeckt.
Wie du das mit ELIZA umsetzt
ELIZA deckt alle Bereiche der ISO 9001:2026 digital ab – und zwar so, dass du nicht monatelang implementieren musst.
Qualitätskultur sichtbar machen
- Qualitätspolitik und Werte zentral publizieren – jeder Mitarbeitende hat Zugriff
- Qualitätsziele mit Massnahmen und Verantwortlichkeiten verknüpfen
- Schulungen und Bewusstseinsbildung dokumentiert nachweisen
Kontext und Klimawandel dokumentieren
- Kontextanalyse als lebendiges Dokument mit Versionierung pflegen
- Stakeholder-Anforderungen strukturiert erfassen und regelmässig überprüfen
- Klimabezogene Faktoren im Risiko- und Chancenregister führen
Risiken UND Chancen managen
- Integriertes Risiko- und Chancenregister mit Bewertungsmatrix
- Massnahmen-Tracking mit Verantwortlichkeiten und Terminen
- Wirksamkeitsprüfung direkt im System dokumentieren
Wissen bewahren und teilen
- Prozessdokumentation mit automatischer Versionierung
- Arbeitsanweisungen und Checklisten zentral und immer aktuell
- Wissen ist im System – nicht in den Köpfen einzelner Personen
Änderungen planen und nachverfolgen
- Änderungsanträge mit Genehmigungsworkflow
- Kommunikation an Betroffene über das System
- Wirksamkeitsprüfung als fester Bestandteil des Änderungsprozesses
Fazit: Evolution, keine Revolution
Die ISO 9001:2026 ist kein Grund zur Panik – aber ein guter Grund, jetzt aktiv zu werden. Die Grundstruktur bleibt, die Kernprinzipien bleiben. Was sich ändert, ist der Fokus: weg von reiner Dokumentation, hin zu gelebter Qualitätskultur, aktivem Chancenmanagement und einer bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Kontext.
Wer heute ein gut funktionierendes QMS hat, muss keine grossen Umwälzungen fürchten. Wer aber noch mit Word-Dokumenten und Excel-Listen arbeitet, für den wird die Umstellung zur echten Herausforderung.
Die gute Nachricht: Du hast noch Zeit. Aber nutze sie.
Quellen & weiterführende Links
Offizielle ISO-Quellen
- ISO/TC 176 – Offizielle Revisions-Updates – Technisches Komitee für Qualitätsmanagement
- ISO/DIS 9001 – Offizieller Katalog-Eintrag – Draft International Standard
- ISO 9001:2015/Amd 1:2024 – Klimaergänzung (Amendment 1)
Schweizer Quellen
- SQS – ISO 9001:2026 – Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme
- SAQ-QUALICON – Schulungsangebot zur Revision – Weiterbildung für QM-Fachleute
- SNV – Schweizerische Normen-Vereinigung – Bezugsquelle für die Norm in der Schweiz
Fachquellen zur Revision
- Advisera – ISO 9001:2015 vs. DIS 9001:2025 – Detaillierter Klausel-Vergleich
- DNV – Key Clause Changes – Übersicht der wichtigsten Änderungen
- SGS – Key Updates and Transition Guidance – Übergangsleitfaden
- QM-Pilot – ISO 9001 Revision (Schweiz) – Schweizer Perspektive

